Workshop 004: Der Schreibprozess

Da wir die (meiner Meinung nach) wichtigsten Theorie-Blöcke mittlerweile hinter uns haben, wird es Zeit, einen genaueren Blick auf den eigentlichen Prozess zu werfen. Wie fange ich also an?

Manchmal hab ich ein bestimmtes Setting im Kopf, manchmal ein Ereignis oder ein vages Bild, das weiter erforscht werden will. Im Falle meiner Military-Science-Fiction Serie Ghost, waren das ein wüstenartiger Planet und schwebende Gleiter. Inspiriert wurde ich zu dieser Idee bereits vor Jahren von Star Wars – Return Of The Jedi. Insbesondere von den Szenen um Jabba The Hut und dessen schwebender Barke. Dieses Szenario wollte ich mit der Atmosphäre von Master & Commander verbinden, was zu einer mit karibischem Piratenflair versetzten Science-Fiction Geschichte geführt hat.

Den ersten Versuch hab ich nach vierzigtausend Wörtern abgebrochen, weil ich das Master & Commander Feeling verfehlt habe. Allerdings hab ich das Universum anschließend gut genug gekannt, um einen weiteren Versuch zu starten, den ich dann auch wie beabsichtigt zu Ende bringen konnte. Plus weitere sieben Bände und eine Novelle, die umsonst heruntergeladen werden kann: Ghost – Rancoon. Im Moment sitze ich am achten Teil.

Ein Setting alleine ist allerdings nicht ausreichend, um mit der Geschichte anzufangen, finde ich. Ohne die Charaktere zu kennen und ohne zu wissen, was sie wollen oder welche Ziele sie innerhalb der Story verfolgen, wird es schwierig, die Handlungsstränge zu entwickeln. Dieses Wissen um die Figuren muss nicht ausufern. Ich selbst schreibe keine Backstorys oder Ähnliches, sondern konzentriere mich allerhöchstens auf die Ereignisse der Vergangenheit der jeweiligen Charaktere, die ihre Handlungen im Jetzt beeinflussen.

Im Grunde weiß ich nicht mehr über die Figur, als die Antworten auf folgende Fragen:

  • Wie heißt die Figur?
  • Wie alt ist sie?
  • Was ist ihr Job (Funktion)?
  • Was kann sie besonders gut (Superpower)?
  • Was will sie (Ziel)?
  • Was passiert, wenn sie ihr Ziel nicht erreicht (Stakes)?
  • Hat sie Schwächen oder Traumata, die sie vom Erreichen des Ziels abhalten (interne Hindernisse)?

Da Ghost in die Genres Military-Science-Fiction und / oder Space Opera einzuordnen ist und damit einen eher handlungsorientierten Plot aufweist, wollte ich anhand der Charaktere für ausgleichende Tiefe sorgen. Deshalb hat mein Protagonist einen internen Konflikt angedichtet bekommen, der ihn über mehrere Bände schwer beschäftigt. Genauso wie all die anderen Figuren Flaws bekamen, die sich im Lauf der Geschichte in den Vordergrund gedrängt haben.

Wenn ich meine Protagonisten gut genug kenne, orientiere ich mich, wie bereits im Artikel über Story Structure erwähnt, am 4-Akter.

4-Akter

Noch einmal anmerken möchte ich, dass die Anzahl der Akte keine Rolle spielt, sondern durch die großen Ereignisse am Ende der jeweiligen Teilbereiche bestimmt wird, die die Handlung in eine andere Richtung treiben (Star Wars – A New Hope: Lukes Farm wird vernichtet, Alderaan wird vernichtet, Obi Wan stirbt). Da ich allerdings mit vier Akten bisher am besten zurechtkomme und fast alle Blockbuster auf diese Art strukturiert sind, sehe ich keinen Grund, zwingend davon abweichen zu müssen.

Außerdem versuche ich, die einzelnen Handlungsstränge im Sinne des ABC-Story-Structure Modells herunterzubrechen, das ich im Artikel über Plotmethoden besprochen habe.

ABC-Story-Structure

In einem ersten Brainstorming versuche ich, mir Gedanken zu den großen Storybeats zu machen. Dabei sieht das Ganze natürlich nicht so schön wie im folgenden Beispiel zu Star Wars aus. Meist hab ich große Lücken in den einzelnen Strängen, die erst während des Schreibens gefüllt oder angepasst werden.

Die großen Storybeats

Erst danach gehe ich eine Stufe tiefer und versuche, die großen Beats zu konkretisieren. Auch in diesem Schritt konzentriere ich mich vornehmlich auf den ersten Akt, halte aber natürlich auch Ideen für die folgenden fest, falls ich welche habe oder sich diese auftun.

Kleinere Beats

Dazu muss ich einräumen, dass sich Vieles später noch ändern kann. Dennoch macht es Sinn, erste Gedanken und Eindrücke festzuhalten, weil sich bereits in diesem frühen Stadium Ideen abzeichnen können, die man, ohne darüber nachzudenken, eventuell verpasst hätte.

Wenn ich so weit bin, beginne ich mit dem ersten Akt. Dazu öffne ich ein neues Papyrus-Dokument, das ich bereits vorformatiert habe (Titel, Schriftart, Schriftgröße, KDP 5×8, Navigatorfenster mit den vier Akten) und mach mich ans Werk.

Papyrus Dokument

Falls ich einen weiteren Teil zu einer meiner Serien schreibe, weiß ich, wie lang der Roman ungefähr werden soll, und kann anhand der kumulierten Wörteranzahl der einzelnen Akte den Überblick behalten. Das funktioniert nicht in jedem Fall, aber oft genug, um mich wenigstens am Anfang daran zu orientieren. Folgende ungefähren Werte haben sich für meine bevorzugte Formatierung bewährt:

  • 150 TB Seiten entsprechen ungefähr 37.500 Wörtern
  • 250 TB Seiten entsprechen ungefähr 62.500 Wörtern
  • 300 TB Seiten entsprechen ungefähr 75.000 Wörtern
  • 400 TB Seiten entsprechen ungefähr 100.000 Wörtern

Grob gesagt kann man festhalten, dass 25.000 Wörter ungefähr 100 Taschenbuchseiten entsprechen, wenn man einen der gängigen Fonts und eine entsprechende Schriftgröße verwendet (in meinem Fall Constantia in der Größe 11).

Von oben erwähnten Schätzwerten ausgehend sieht die Verteilung der Wörter auf den ersten Akt ungefähr wie folgt aus:

  • 150 TB: Akt 1 – 12.000 
  • 250 TB: Akt 1 – 20.000 
  • 300 TB: Akt 1 – 25.000
  • 400 TB: Akt 1 – 32.000

Die Zahlen haben sich aus meinen persönlichen Erfahrungswerten ergeben und stellen Orientierungsgrößen dar, die ich manchmal auch verfehle. Allerdings lande ich relativ häufig in den anvisierten Bereichen, weshalb es – für mich – durchaus Sinn macht, zu versuchen, die anvisierten Zahlen einigermaßen zu treffen.

Falls es sich um einen Einzelband ohne konkrete Längenvorgaben handelt, würde ich mich trotzdem an den gängigen Längen der entsprechenden Genres orientieren und versuchen, diese umzusetzen.

Akt 1

Den ersten Akt nutze ich vorwiegend dazu, die Figuren und die Welt besser kennenzulernen, indem ich die Details on-the-fly, also während des Schreibens, erfinde. Dabei tun sich meist neue Möglichkeiten in Form von Ideen und weiteren Figuren auf, die ich am Anfang nicht im Blick hatte und die den weiteren Handlungsverlauf entsprechend verändern. 

Deshalb macht es meiner Meinung nach nur wenig Sinn, vor dem eigentlichen Schreiben zu sehr ins Detail zu gehen. Ich habe bereits viele Stunden für nichts verschwendet, weshalb ich für mich persönlich entschieden habe, mich anfangs nur auf die Figuren und die großen Storybeats zu konzentrieren. Ein Kompromiss, mit dem ich bisher gut gefahren bin, weil er mich entdeckend schreiben lässt und mich gleichzeitig auf Kurs hält. Die Wahrscheinlichkeit, mich komplett zu verzetteln, ist deshalb eher gering.

Folgend noch einmal das Romance-Beispiel aus dem Artikel zur Charakterentwicklung:

Sadi ist eine Romni, die von ihrem Bruder unterdrückt wird. Sie sieht sich selbst als entstellt an, weil er ihr Gesicht mit einem Messer ‚verschönert‘ hat und die daraus resultierende Narbe sie – ihrer Meinung nach – zu einem hässlichen Entlein macht. Sie will frei sein.

Jax ist Ex-Mitglied der Aryan Brothers. Sein Vater war ein Rechtsradikaler, der ihn bei jeder Gelegenheit kleingemacht hat. Ergo sieht es mit seinem Selbstbewusstsein nicht allzu gut aus. Seine Schwäche besteht darin, anderen gefallen zu wollen. Sein alter Herr ist auch der Grund, warum er ein berüchtigtes illegales Kampfsportturnier gewinnen will, an dem sein Vater gescheitert ist, um sich selbst zu beweisen, dass er ‚besser‘ ist.

Mehr Gedanken mach ich mir anfangs nicht zu den Figuren. Die oben angeführten Informationen sind mehr als ausreichend, um mit dem Schreiben beginnen zu können.

Die einzelnen Szenen für den ersten Akt plane ich stichpunktartig direkt im Dokument. Danach geht es eigentlich schon los. Ich schreibe eher langsam, weil ich mir ständig Gedanken mache, Sätze umstelle und Fehler korrigiere. Es kann also durchaus vorkommen, dass ich für 2.000 Wörter vier Stunden brauche.

Stichpunkte

Ich stelle sicher, dass ich die Figuren auf eine interessante Weise vorstelle (vielleicht auch schon Empathie erzeuge), das Genre unmissverständlich festlege (SF, Fantasy, Urban Fantasy etc.), den Ton der Geschichte deutlich mache (düster, leicht etc), dass ich mögliche Beziehungsplots und damit verbundene, später auftretende emotionale Payoffs vorbereite (enemies to friends, enemies to lovers, allied to enemy etc.), dass die Character Arcs – falls vorhanden – korrekt gestartet werden, dass es ein auslösendes Ereignis gibt und der Konflikt so früh wie möglich deutlich wird. Außerdem sollten die Storylines auf ein großes Ereignis am Ende des ersten Akts zusteuern.

Überarbeitungsprozess

Nachdem ich den ersten Akt abgeschlossen habe, beginnt der erste Überarbeitungsschritt. Dabei arbeite ich den kompletten Text durch und stelle sicher, dass die Handlungen zu den Figuren passen, diese wie geplant etabliert wurden (Eigenschaften, Werte, moral compass etc.), es keine Logiklöcher gibt und alles zusammenpasst. Gleichzeitig schleife ich den Text, stelle Sätze um – falls nötig – und achte darauf, dass sich das Ganze so flüssig wie möglich lesen lässt.

Erst wenn ich vollständig zufrieden bin, starte ich mit dem zweiten Akt. Das bedeutet, dass ich streng linear arbeite und keine Szenen vorgreife, die sich irgendwann später ereignen sollen. Bis diese normalerweise anfallen würden, hat sich meistens zu viel geändert, als dass ich sie noch verwenden könnte. Und da ich nicht gerne Zeit verschwende, lasse ich es nicht darauf ankommen. Wenn also Probleme in der Handlung auftauchen oder ich feststecke, arbeite ich so lange daran, bis diese gelöst sind und springe auf keinen Fall zu später auftretenden Szenen.

Hinweis: Payoffs sind emotionale Momente des letzten Akts, die bereits im ersten und zweiten vorbereitet werden.

‚Enemies to friends‘ oder ‚enemies to lovers‘ sind gängige Tropes, also Muster, die oft angewendet und meist in Beziehungsplots verwendet werden. Wenn sich also zwei Figuren am Anfang der Geschichte nicht leiden können und eine davon im passenden Moment (oft kurz vor dem Showdown) ihre Fehleinschätzung des anderen Charakters erkennt und sich entschuldigt oder etwas macht, dass der anderen Figur im entscheidenden Moment hilft, kreiert das normalerweise einen emotionalen Payoff.

Akt 2

Falls sich aus dem ersten Akt Veränderungen für den Rest der Geschichte ergeben, passe ich die großen Storybeats und die jeweiligen Storylines entsprechend an oder entwickle sie weiter. Danach plane ich die Szenen stichpunktartig im Dokument und beginne wieder entdeckend zu schreiben.

Manchmal tritt der Antagonist erst im zweiten Akt auf oder ein weiterer Handlungsstrang startet, der die Bewältigung des inneren Konflikts oder ein anderes Problem behandelt. Diese Fälle bieten weitere Chancen, emotionale Payoffs vorzubereiten. Außerdem steuern die Storylines wieder auf ein großes Ereignis am Ende des Akts zu (Midpoint).

Nachdem ich fertig bin, überarbeite ich den ersten und zweiten Akt am Stück (Charaktere, Arcs, Logik etc.) und schleife den Text wie gehabt. Außerdem passe ich die Storybeats des dritten Akts oder dessen grob geplottete Handlungsstränge an, falls nötig.

Akt 3

Den dritten Akt schreibe ich wie die ersten beiden ‚entdeckend‘. Dieses Mal laufen die einzelnen Storylines auf den All Seems Lost am Ende des dritten Akts zu, wobei sich die Handlungsstränge spätestens hier überschneiden sollten (besser schon vorher).

Der Überarbeitungsschritt nach dem Schreiben sollte am besten alle drei Akte beinhalten. Das bedeutet, dass ich versuche, diese am Stück zu überarbeiten, weil ich dadurch im Fluss bleibe und besser abschätzen kann, ob alles zusammenpasst und ich nichts übersehen habe.

150 Taschenbuchseiten schaffe ich locker an einem Tag, 250 gerade noch. Ab 300 muss ich die Überarbeitung auf zwei Tage aufteilen. Falls mehrere Handlungsstränge existieren, weiche ich auf diese aus und überarbeite sie am Stück.

Akt 4

Den vierten Akt schreibe ich wie die Vorherigen ‚entdeckend‘. Danach überarbeite ich alle Akte noch mal am Stück. Ich stelle sicher, dass die Charakterentwicklungen abgeschlossen sind, dass es keine offenen Stränge oder unbeantwortete Fragen gibt, dass die im ersten und zweiten Akt angelegten Payoffs aufgehen und lege besonderes Augenmerk auf den Schluss der Geschichte und den hoffentlich vorhandenen emotionalen Effekt, der den Leser das Buch im besten Fall mit einem wohligen Kribbeln zuschlagen lässt. Deshalb ist mir vor allem der letzte Satz des Romans extrem wichtig.

Finale Überarbeitung

Nachdem ich für mich beschlossen habe, dass der Roman fertig ist, überarbeite ich ihn zwei bis drei weitere Male wie oben bereits beschrieben. Danach kann ich ihn für gewöhnlich nicht mehr sehen und schicke ihn ins Korrektorat.

Hinweis: Die Menge an Überarbeitungen stellt sicher, dass ich fast nie Logiklöcher in meinen Romanen habe. Falls sich doch mal eines einschleicht, findet es meine Korrektorin und weist mich darauf hin. Das kommt aber nur selten vor.

Das wär’s schon gewesen. Im nächsten Artikel gehe ich auf den Aufbau einer Szene ein. Danach folgen noch einige kürzere Texte zu gängigen Begriffen, ein Special zu Romances und am Ende eine kurze Abhandlung über die Struktur von Serien.

WORKSHOPS

001 - STORY STRUCTURE002 - CHARAKTERENTWICKLUNG003 - PLOTMETHODEN004 - SCHREIBPROZESS005 - SZENENAUFBAU
006 - SUSPENSE
007 - FORESHADOWING
008 - SUBTEXT
009 - THEMA
011 - SERIENSTRUKTUR
012 - RESSOURCEN
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